Jugendprotest in Lateinamerika

Die Demonstrationen gegen die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien, die Ausschreitungen gegen die Regierung Nicolas Maduro in Venezuela oder die Studentenproteste in Chile: Die Bevölkerung Lateinamerikas geht auf die Straße, sie prangert die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Missstände in ihren Ländern an. Auffallend ist: Der Protest geht vor allem von jungen Leuten aus.

Auf der Lateinamerika-Tagung „Seismograph Jugend“ in Münster sind vom 8. bis 10. Mai Studenten aus Mexiko, Kolumbien, Chile und Brasilien zu Wort gekommen und haben über ihren Alltag berichtet. Junge Männer und Frauen wohnen dort mit Mitte 30 oft noch zu Hause bei ihren Eltern, weil sie nach dem Studium keinen Job finden oder ihre Studienkredite abbezahlen müssen.

„Jóven levántate. Nacimos para soñar, no para dormir“ (Jugend, erheb dich. Wir wurden geboren, um zu träumen, nicht, um zu schlafen) – Mate-Tee auf der Tagung „Seismograph Jugend“ über Wertewandel, Partizipation und Jugendprotest in Lateinamerika

„Fünf Jahre Studium, fünfzig Jahre Schulden“
„Die 1,2 Milliarden Jugendlichen in den Ländern des globalen Südens sind schon quantitativ eine zu große Gruppe, als dass sie sich ignorieren ließen“, sagt Lateinamerika-Expertin Sabine Kurtenbach vom German Institute of Global and Area Affairs in ihrem Vortrag über Partizipation und Jugendprotest. In Chile demonstrieren die Studenten zum Beispiel seit Jahren gegen Studiengebühren und das ungerechte Hochschulsystem. Das stammt noch aus Zeiten der Militärdiktatur. Neben den staatlichen Universitäten gibt es die teuren, privaten Hochschulen, viele Chilenen müssen sich für ihr Studium verschulden. „Fünf Jahre Studium, fünfzig Jahre Schulden“, so lautet ein häufig verwendeter Slogan der Studenten-Bewegung. Während die Jugendlichen von der Regierung immer wieder als „Kriminelle und Extremisten“ stilisiert wurden, weiß Kurtenbach: Das Aufbegehren muss als Anzeichen für die grundlegenden gesellschaftlichen Konflikte bewertet werden.

Protestlieder aus Brasilien
Jugendliche in Brasilien bringen ihr Lebensgefühl auch in der populären Musik zum Ausdruck. Sänger Maxwell Oliveira spielt während seines Vortrags mit dem Titel „Acorda Brasil“ (Wach auf, Brasilien) auf der Gitarre einige Protestlieder seiner Generation.

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien kostet über 11 Milliarden Euro, während Gelder für Schulen oder die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung fehlen. Im Juni vergangenen Jahres kam es zu den bisher größten Unruhen seit dem Ende der Militärdiktatur 1985. Die Menschen protestierten gegen die WM, grassierende Armut und Korruption. Der Song „As coisas não caem do céu“ (Die Dinge fallen nicht vom Himmel) des brasilianischen Sängers Leoni ist eine Momentaufnahme dieser Geschehnisse.